Als das erste 4er-Team des SV-Enge Sande standen wir beim 800km langen supported Race Around Jutland am Start. Auf dem Papier war das große Ziel klar: Abläufe für das Race Across America trainieren, als Team funktionieren und wenn alles gut läuft, den Streckenrekord knacken. Unausgesprochen ging es aber natürlich darum schneller zu sein als das zweite 4er-Team. Da Benny das Team aufgrund von beruflichen Verpflichtungen bei Kilometer 550 verlassen musste war uns aber klar, dass das nicht möglich sein wird. Wir waren also die Karotte an der Angel und wollten versuchen möglichst spät eingeholt zu werden und uns lange ein Kopf an Kopf rennen zu liefern.
Startschuss war um 17 Uhr. Gefahren wurde in 15 Minuten Intervallen. Einer fährt, der nächste sitzt schon startklar im Auto, während irgendwo versucht wird, hektisch ein Stück Pizza oder ein eine Tüte Haribo zu inhalieren. Danach wieder aufs Rad. Immer weiter. Diskussionen gab es keine, wenn etwas schiefging, wurde improvisiert. Als Malte zum Wechsel sein Rad aus dem Auto zog und der Reifen platt war, sprang Torben eben spontan ein.
Die ersten Stunden liefen stark. Vielleicht etwas zu stark. Wind im Rücken und immer wieder die Motivation vor dem anderen Team zu sein. Das interne Duell verführte die meisten Fahrer dazu das geplante Tempo deutlich zu überschreiten und die Verfolgungsjagd schaukelte sich immer weiter hoch. Vor allem Leif trat anfangs Wattwerte, als gäbe es Bonuspunkte für maximale Selbstzerstörung. Das funktionierte erstaunlich lange, bis irgendwann die Rechnung kam: zu wenig Elektrolyte haben dem Kreislauf zugesetzt. Leif musste rausnehmen und Turns auslassen. Umso beeindruckender war es, dass er sich später wieder zurückkämpfte und erneut richtig Druck aufs Pedal brachte. Auch die Einholung durch das andere Team nagte an den Nerven und der Stimmung, da diese früher geschah als erhofft.
Der nächste Gegner wartete allerdings an der Westküste Dänemarks. Nach rund 320 Kilometern wurde aus einem Radrennen eine mentale Schlacht. Drei Uhr morgens, Regen, Dunkelheit und Gegenwind. Nicht dieser normale „bisschen windig“ Wind, sondern die Sorte, bei der man sich auf dem Zeitfahrrad komplett verbiegt und trotzdem nur 30 km/h fährt. Dazu nasse Straßen, kalte Hände und der Abstand zum anderen Team, der langsam, aber stetig anwuchs. Die Stimmung wurde ruhiger. Niemand redete mehr viel. Man funktionierte nur noch. Essen. Fahren. Umziehen. Kurz im Bus aufwärmen. Wieder fahren. Und genau dort wurde aus vier Fahrern ein richtiges Team. Niemand fuhr mehr nur für sich selbst.
Dass Dänemark landschaftlich schön sein soll, haben wir übrigens nur vom Hörensagen mitbekommen. Besonders rund um Vejle führte die Strecke über kleine Wirtschaftswege durch den Raps, kurvig und hügelig. Vermutlich traumhaft. Leider war man entweder damit beschäftigt, Watt zu treten, zu Essen oder nach kleinen Orten den nächsten Fahrer rechtzeitig wieder einzusammeln.
Richtig hart wurde es am Morgen. Benny musste gegen 7:30 Uhr aussteigen. Ab da hieß es: zu dritt weiterfahren. Weniger Pause, mehr Belastung, mehr Kilometer pro Kopf. Gleichzeitig wechselten aber auch die Supporter im Auto und brachten neuen Schwung rein. Plötzlich war wieder Energie da, neue Motivation und vor allem mit Liebe geschmierte Brötchen.
Die eigentliche mentale Schlacht begann 200 Kilometer vor dem Ziel. Die drei verbliebenen Fahrer schalteten endgültig in den Überlebensmodus. Niemand dachte mehr in Kilometern oder Durchschnittsgeschwindigkeit. Jeder rechnete nur noch in Turns. Wie oft muss ich noch raus? Wie viele Wechsel noch bis ins Ziel? Die Antwort war brutal: noch neun oder zehn harte Einsätze auf der Straße. Und genau das war der Moment, der mental fast mehr weh tat als die Beine selbst. Denn zehnmal nochmal komplett hochfahren klingt plötzlich wie eine Ewigkeit, wenn der Körper seit Stunden im Ausnahmezustand läuft.
Die Erleichterung war groß, als wir einige Minuten nach Team 2 heil das Ziel erreichten. Bis auf vier platte Reifen gab es keine größeren Defekte. Das größte Learning war vor allem der Wechsel der Racer. Es bedarf immer wieder viel Überlegung vom Team, den Wechsel vorzubereiten. Der ein oder andere Wechsel mit zu schlechter Übersicht oder zu kurzer Distanz wurde nicht immer sauber erledigt. Dabei dann noch den Abstand einzuschätzen, um auf die gleiche Übergabegeschwindigkeit zu kommen, ist jetzt mit ein bisschen Erfahrung deutlich leichter. Auch das Material hat sich bewährt, vor allem die von Leif in Eigenregie entworfenen und im 3D-Drucker produzierten Cockpits der Zeitfahrräder.
Alles in allem war es die ideale Vorbereitung auf die Mission Streckenrekord in Amerika. Nicht weil alles perfekt lief. Sondern weil das Team funktioniert hat. Eine großartige Leistung, die ohne die Supporter nicht möglich gewesen wäre.





